AUF EINEN ESPRESSO IN ITALIEN

ACROSS THE ALPS

Mit diesen Worten verabschiedete ich mich 2013, nach vierjähriger Zusammenarbeit, von meinem ehemaligen Auftraggeber auf der Eurobike. Zwar erinnerte sich 2014 wohl niemand mehr daran, und das Versprechen wurde nicht in die Tat umgesetzt, einige Jahre später kam es mir dann aber doch wieder in den Kopf. Letztlich dauerte es bis ins Jahr 2021, ehe aus einer Idee ein tatsächlicher Plan wurde. Mit dem Rennrad – meinem SCULTURA − sollte es über die Alpen gehen. Von Stuttgart nach Bassano. Schnell waren ein paar Mitstreiter gefunden. Neben Sebastian, meinem Co-Rider, sollte uns auch ein Produktionsteam begleiten und in der faszinierenden Alpen-Landschaft schicke Foto- und Videoaufnahmen realisieren.

Etappe 1 / Stuttgart − Kempten

Möglicherweise war die FSME-Impfung zwei Tage vor Tour-Beginn doch keine so gute Idee. Der Alb-Anstieg bei Bad Urach bringt, bei strahlendem Sonnenschein und 32 Grad, meinen „Motor“ bereits nach 68 km ordentlich ins Stottern. So früh hatte ich mit derartigen Herausforderungen nicht gerechnet. Nachdem ich die „Reisegeschwindigkeit“ erheblich drossle, gelingt es mir mich, mehr schlecht als recht, zur ersten Pause nach Ehningen zu „schleppen“. Einige Schwindel-Unterbrechungen und ein Baustellen-Umweg strecken die Fahrzeit gehörig in die Länge. Am Ende des Tages stehen statt den geplanten 210 km dennoch „nur“ 185 km zu Buche. Wenigstens entkommen wir auf den letzten Metern zum ersten Etappenziel in Kempten einem zornigen Regenschauer. Wie mein Körper die Strapazen des Tages über Nacht verarbeiten wird, steht in den Sternen.

Etappe 2 / Kempten − Garmisch-Partenkirchen

Da sich der Regen erst kurz vor Start unserer zweiten Etappe eine Auszeit nimmt, verkommen die ersten Stunden an Tag zwei zu einer feuchten Angelegenheit. Mein Körper fühlte sich – entgegen meiner Befürchtungen – solide an und scheint sich gut erholt zu haben. Selbst ein kleiner Umweg über Füssen ist drin, um bei einem zünftigen Mittagessen die Energiespeicher wieder aufzufüllen. Am Forggensee sitzend genießen wir die Allgäuer Mittagssonne, ehe wir die bereits letzten Kilometer des Tages in Angriff nehmen. Nicht streng „nach Navi“, sondern einfach grob an den geplanten Ortschaften entlang. Ab und an folgen wir dann aber doch der vorgeschlagenen Route, die uns von anfangs leichten Schotter-Passagen in immer anspruchsvolleres Terrain führt. Das hat nichts mehr mit den beschaulichen Erinnerungen an „Strade Bianche“ zu tun. Nach kurzem Routen-Check per Smartphone realisieren wir, dass Umdrehen auch keinen Sinn (mehr) macht. Wir fügen uns in unser Schicksal über grobe Schotterwege sowie einigen Tragepassagen über Gebirgsbäche, ehe uns der Pfad dann doch kurz vor Garmisch ausspuckt. Vor dem herannahenden Gewitter flüchten wir uns in ein Eiscafé, wo Langlaufprofi Max Olex zu uns stößt, den ich bereits seit dem Sportstudium kenne.

Unsere Unterkunft in Garmisch befindet sich hinter der Skisprungschanze oberhalb der Höllentalklamm. Einziger Weg dorthin: Eine extrem steile Rampe mit gefühlten 30 % Steigung. Trotz einer eben erst absolvierten Intervalleinheit überredet mich Max den „Stich“ gemeinsam mit dem Rad anzugehen. Wir quälen uns die letzten Meter zu unserem Nachtquartier empor. Unser Gastgeber gibt uns zum Abschluss des Tages noch eine ausführliche Zusammenfassung der regionalen, touristischen Highlights und überlässt uns dann unserem Schicksal. Regeneration ist Trumpf.

Etappe 3 / Garmisch-Partenkirchen − Patsch


Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Innsbruck. Heute steht eine vermeintliche „Überführungs-Etappe“ an, die, rein topografisch, keine echte Herausforderung beinhaltet. Ein kleiner Pass und dann einfach „vollends rüber rollen“. Natürlich haben wir die Rechnung ohne den durchwachsenen Sommer gemacht. Regen ist unser ständiger Begleiter und macht insbesondere die Abfahrten unangenehm und kalt. Aufgrund eines Gewitters müssen wir in Innsbruck eine ungeplante Unterbrechung einbauen. Die letzten Kilometer nach Patsch fahren wir ein wenig oberhalb von Innsbruck und erreichen, nach fast schon obligatorischen Zusatzkilometern, unser Quartier für die Nacht. Nach einem recht regenreichen Tag freuen wir uns alle auf eine warme Dusche und die erholsamen Stunden im Bett. 

Etappe 4 / Patsch − Steinegg

Die vierte Etappe führt uns endlich in die Alpen – und schließlich nach Italien. Der Anstieg zum Brennerpass bringt unsere Muskelfasern auf Betriebstemperatur. Oben angekommen gleiten wir dann entspannt gen Bozen ins Tal hinunter. Natürlich darf auch hier der obligatorische Regenschauer nicht fehlen. Wir nehmen die Erfrischung gelassen und kombinieren diese ab und an mit einer kleinen Kaffee-Pause. Immer wieder ein perfektes Ensemble. In Bozen angekommen, nehmen wir gerne noch ein paar Zusatzkilometer in Kauf und pedalieren zurück ins Tal, um unseren Schlussanstieg nach Steinegg in Angriff zu nehmen. Mit dreizehn Kehren, einigen Höhenmetern und etwas Milchsäure mehr in den Beinen erreichen wir Steinegg. Dort treffen wir auf unsere Begleit-Crew, die sich im Hotel Steineggerhof bereits ausgiebig mit dem Wellness-Programm vertraut gemacht hat. Bei einem hervorragenden veganen Abendessen lassen wir den Abend wohlbehütet bei Familie Resch, unseren Gastgebern, ausklingen. Nach dem heutigen Tagespensum haben wir uns das redlich verdient.

Etappe 5 /  Steinegg – Arco


Wir rollen entspannt in die fünfte Etappe: Die ersten Tageskilometer führen uns geschmeidig das Tal entlang. In Trient entscheiden wir uns gegen die moderate, flache Variante in Richtung Gardasee, und nehmen den Umweg über den Monte Bondone. Nach der zweiten Abfahrt des Tages begrüßt uns ein alter Bekannter – der Regen. Trotzdem wir auf unsere bewährte Kaffeepausen-Taktik zurückgreifen, werden wir die letzte Stunde unserer fünften Etappe komplett durchnässt. Der Regen bleibt bis kurz vor Arco unser ständiger Begleiter. Nachdem sich die Regenwolken bei unserer Ankunft am Gardasee komplett entleert haben, belohnt uns ein milder Abend mit gutem italienischen Essen und „Gelato“ für die Strapazen.

Etappe 6 / Arco – Bassano

 

Die letzte Etappe überrascht uns mit strahlendem Sonnenschein. Wir lassen die touristischen Hotspots des Gardasees hinter uns und pedalieren über Torbole zurück nach Mori. Auf der gegenüberliegenden Bergflanke tauchen wir in die letzten Anstiege zwischen uns und Bassano ein. Obwohl ich mich an die Kombination aus Hitze und Höhenmeter gewöhnen muss, läuft mein „Motor“ jetzt rund, und wir genießen die wunderbare und beschauliche Landschaft. Für die letzte Abfahrt nach Bassano lassen wir uns Zeit und genießen die Landschaft noch einmal in vollen Zügen. Im historischen Stadtkern grüßen wir die weltbekannte Holzbrücke „Ponte Vecchio“ und machen uns auf die letzten Kilometer in unser Hotel am Fuße des Monte Grappa. Bei Kilometer 840 und mit über 9000 Höhenmetern in den Beinen endet unsere Alpenüberquerung bei einem kräftigen Espresso in Italien.